(Neo)naziaufmarsch in Dessau

Nachdem das (neo)nazistische Milieu anlässlich des 65. Jahrestages der alliierten Bombardierung von Städten im Herrschaftsgebiet des nationalsozialistischen „Deutschen Reiches“, während des zweiten Weltkrieg,  in diesem Jahr u.a. bereits in Magdeburg (16. Januar), Dresden (13. Februar), Cottbus (15. Februar), Chemnitz (5. März) und Stendal (12. März) aufmarschiert waren, mobilisierten so genannte „Freie Kräfte“ nun für den 13. März ins anhaltinische Dessau. Diesem Aufruf folgten am gestrigen Samstag schließlich ungefähr 150 (Neo)nazis aus Sachsen-Anhalt, Sachsen, Niedersachsen und Brandenburg.

Mit einiger Verspätung, von einem größeren Polizeiaufgebot und der Musik des Antisemiten Richard Wagner begleitet, marschierte der Aufzug vom Hauptbahnhof beginnend, durch die Antoinettenstraße, Wolfgangstraße, Hans Heinen Straße, Zerbster Straße, Poststraße, Kavallierstraße, Franzstraße etc. bis zur Bahnhaltestelle Dessau Süd.

In der Zerbster Straße formierte sich der Aufmarsch zudem zu einer Zwischenkundgebung, bei der zwei Redner zu den Veranstaltungsteilnehmer_innen sprachen.

Als  erstes ergriff dabei ein Funktionär des „Bundes der Vertriebenen“  das Wort und berichtigte seinen „Kameraden und Kameradinnen, Volksgenossen und Volksgenossinnen“ in einseitiger Weise über das „Leid“, dass die alliierten Bomber im zweiten Weltkrieg angeblich über  die Stadt Dessau gebracht haben sowie über das „schwere“ Schicksal der  so genannten „Vertriebenen“ in den letzten Kriegstagen.

Am zweiten Weltkrieg bzw. am „zweiten große Völkerringen“ anknüpfend sprach danach der niedersächsische (Neo)nazi Dieter Riefling zu den angetretenen (Neo)nazis. Er sah sich als Wahrheitsverkünder berufen und erklärte allen Ernstes, dass nicht „Deutschland“ diesen Krieg begonnen habe, sondern die so genannte „Hochfinanz“ (antisemitisches Bild für die unterstellte „jüdische Weltverschwörung“) mit ihren angeblichen Marionetten „Churchill, Roosevelt und Stalin“.

Einen Bezug zu den Verbrechen der Nationalsozialist_innen in Dessau oder anderswo war bei beiden Vertretern allerdings nicht herauszuhören. Im Gegenteil der Begriff „Holocaust“, der allgemein als Sinnbild für die systematische Vernichtung jüdischen Lebens durch das nationalsozialistische Regime anerkannt wird, wurde insbesondere durch den Redner Riefling dahingehend umgedeutet, dass er ausschließlich für die Opfer der Bombardierung von Städten im damaligen Naziherrschaftsbereich zutreffend sei.

In unmittelbarer Nähe demonstrierten ungefähr 300 Menschen lautstark gegen diese (neo)nazistische Geschichtsverdrehung. Allerdings fanden nur ungefähr 30 Bürger_innen den Mut an diesem Punkt die Strecke zu blockieren und die (Neo)nazis von hier aus nicht mehr weitermarschieren zu lassen. Die Polizei räumte die hiesige Blockade recht schnell und unsanft.

Eine erste Blockade war bereits an der Kreuzung Antoinettenstraße Ecke Wolfgangstraße und Bitterfelder Straße gescheitert. Hier hatten sich ungefähr 150 Antifaschist_innen versammelt, um den Aufmarsch bereits am Startpunkt zu verhindern.  Auch hier setzte sich, nach ungefähr einer halben Stunde, letztendlich die Polizei durch und machte den (Neo)nazis den Weg frei.

Rückblickend positiv zu betrachten ist jedoch, dass gestern überhaupt Menschen den Mut fassten, sich dem (neo)nazistischen Aufmarsch in den Weg zu stellen, nach dem dieser im letzten Jahr ohne derartige Versuche, recht planmäßig verlief.

In Anbetracht der Tatsache, dass gemäß Auskunft des Dessauer Oberbürgermeisters im MDR-Fernsehen, (neo)nazistische Aufmärsche dort bis 2015 angemeldet sind, wären die Bürger_innen von Dessau gut beraten ihr Problembewusstsein zu schärfen, die Gegenaktionen von gestern als Chance zu nutzen und in den nächsten Jahren noch zu verstärken, um eine Etablierung von (Neo)naziaktivitäten ähnlich wie in Magdeburg oder Dresden frühzeitig zu unterbinden.

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