Archive for Januar 2012

Noch ein brauner Kickbox-Champion

31. Januar 2012

André Seltmann aus Rathenow kämpft bei Fight Nights und für das (neo)nazistische Milieu

Nachdem INFORIOT vor wenigen Tagen über die braunen Verwicklungen des deutschen Kickboxmeisters Markus Walzuck aus Cottbus berichtete, wurde heute ein ähnlicher Fall publik. Hierbei geht es ebenfalls um den Kickboxer André Seltmann. Dieser kämpft für das KZR Semlin und ist „German Champion“ nach Version der IBBO 300. Der 31-jährige Rathenower tritt auch bei so genannten „Fight Nights“ an. Am 17. April 2011 kämpfte er beispielsweise während einer derartigen Veranstaltung im „Blauhaus“ in Potsdam. Hier unterlag er dem  Hamburger Muay Thai/K-1 Kämpfer Hakan Kilinc, deutscher Meister der WKN,  durch K.O.

Neben der Boxtätigkeit im Ring fiel Seltmann in den letzten 14 Jahren aber immer wieder durch (neo)nazistische Aktivitäten auf, die ihm einige Ermittlunsverfahren einbrachten. 1998 wurde gegen ihn und seinem Kumpan Michel Müller, dem heutigen Vorsitzenden des NPD Kreisverbandes Havel Nuthe, wegen Sachbeschädigung ermittelt. Am Himmelfahrtstag 1999 soll Seltmann an einem Landfriedensbruch in Rathenow beteiligt gewesen sein, bei dem auch „Sieg Heil“ gerufen wurde.

Im selben Jahr wurde er beobachtet, als er und weitere (Neo)nazis NPD-Aufkleber in Rathenow verbreiteten. Am 1. Dezember 2001 nahm Seltmann an einem (Neo)naziaufmarsch gegen die Wehrmachtsausstellung in Berlin teil. Auch gehörte er damals zur Kameradschaft „Hauptvolk“.

Nach dem Verbot dieser Vereinigung im Jahr 2005 wurde es um Seltmann zeitweise ruhiger. Erst 2010 tauchte er wieder aktiv im (neo)nazistischen Milieu auf und nahm wiederum an (Neo)naziaufmärschen teil. Am 16. Januar 2010 und am 14. Januar 2012 wurde Seltmann in diesem Zusammenhang als Ordner auf Großveranstaltungen der (neo)nazistischen „Initiative gegen das Vergessen“ in Magdeburg eingesetzt. Dabei marschierten allein in diesem Jahr über 1.100 (Neo)nazis durch die Elbestadt.

Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus in Rathenow und Premnitz

28. Januar 2012

In Rathenow waren ungefähr 30 Bürger_innen, darunter auch Vertreter_innen der Parteien, der Stadtverordnetenversammlung und des Kreises, am 27. Januar 2012 dem Aufruf des Rathenower Bürgermeisters gefolgt und nahmen an der Gedenkveranstaltung zum 67. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz teil.

Pünktlich um 15 Uhr richtete sich der Bürgermeister Ronald Seeger (CDU), vor dem Denkmal für die Opfer des Faschismus, mit mahnenden Worten an die teilhabenden Personen. Seine Ansprache begann er hierbei mit Worten aus Roman Herzogs Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus von 1996. Der Begriff Auschwitz stehe als Synonym für den Rassenwahn der 1940er Jahre, wo alleine in Auschwitz etwa eine Million Menschen ihr Leben lassen mussten. Es liege an der heutigen Generation, dieses nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Anschließend wies die Bundestagsabgeordnete Diana Golze (Die LINKE) auf die Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestages hin, bei der auch der Literaturkritiker  Marcel Reich-Ranicki als Überlebender des Warschauer Ghettos eine ergreifende Rede hielt.

Abschließend hob der stellvertretende Landrat Roger Lewandowski (CDU) nochmals die Wichtigkeit des  stattfindenden Gedenkens hervor. Vor allem die aktuellen Ereignisse, in Hinblick auf die (Neo)nazistische Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU),  zeigen, dass auch noch in der heutigen Zeit (Neo)nazis bereit seien für ihre Überzeugungen zu morden.

An einer Gedenkveranstaltung in Premnitz nahmen ebenfalls ungefähr 30 Menschen teil. Dort rief Bürgermeister Roy Wallenta in Anbetracht der Mordanschläge des NSU zur Wachsamkeit gegenüber (neo)nazistischen Tendenzen in der Gesellschaft auf und kritisierte die Verharmlosung des „Rechtsextremismus“ durch Begriffe wie „Dönermorde“.

Der 27. Januar ist seit 1996 ein Gedenktag für alle Menschen, die durch die Nationalsozialist_innen ausgebeutet und ermordet wurden. Dies schließt nicht nur das Gedenken für die Opfer der Vernichtungslager im Osten, sondern auch die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen der Nazis in unserer Region mit ein. In Rathenow existierte beispielsweise bis zur Befreiung 1945 ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, deren Häftlinge in den ARADO Flugzeugwerken geschunden wurden. Darüber hinaus wurden tausende Zwangsarbeiter_innen in der Rathenower optischen Industrie sowie im Premnitzer IG Farben Werk zur Arbeit gepresst.

Antifaschistischer Jahresrückblick 2011 – Westhavelland

18. Januar 2012

Aktuelle Dokumentation zu (neo)nazistischen Strukturen im Westhavelland und Umgebung erschienen

Eine antifaschistische Recherchegruppe hat eine Dokumentation zum Entwicklungsstand des (neo)nazistischen Milieus im westlichen Havelland sowie dessen Gesinnungsgenoss_innen in der Umgebung erarbeitet. Diese kann ab heute zunächst im Internet als PDF Dokument als Vorabversion bezogen werden. In den nächsten Tagen ist aber auch eine Veröffentlichung als Druckausgabe geplant

Die Dokumentation erscheint in Form eines Rückblicks auf das abgelaufene Jahr 2011 und leitet nach einer kurzen Definition der verwendeten Begriffe mit einer allgemeinen Reflektion zu Entwicklungen im und zum Umgang mit dem (neo)nazistischen Milieu. Hierbei spielen auch das von der konservativen Bundesregierung vorangetriebene Vorgehen gegen die Zivilgesellschaft sowie die Terrororganisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ eine Rolle.

Als wichtigste organisierte Vereinigung des (neo)nazistischen Milieus wird die NPD benannt. Sie hat im Land Brandenburg im Bereich der Stadt- und Landkreise Potsdam, Brandenburg an der Havel, Potsdam-Mittelmark und Havelland ihre mitgliederstärkste Untergliederung, die vom westhavelländischen Rathenow aus gesteuert wird.

Aktionsschwerpunkte des (neo)nazistischen Milieus aus dem Havel-Nuthe-Gebiet waren die Kampagne „Raus aus der EU – Nein zum Euro“ sowie die Unterstützung des Strukturaufbaus im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Ansonsten waren eher Veranstaltungen mit lokaler Bedeutung, wie das NPD Sommerfest in Rathenow oder eine Kundgebung am 20. April in Nauen zu beobachten. Bemerkenswert waren jedoch auch eine Veranstaltung von 250 Holocaustleugner_innen in Brandenburg an der Havel sowie ein unangemeldeter Fackelmarsch am 9. November in Potsdam.

Im Vergleich zu den Vorjahren rückläufig sind zumindest im Bereich Westhavelland, dass heißt im Raum Rathenow-Premnitz, Gewalt- und Propagandadelikte. Auch die Anzahl von Aktivist_innen in dieser Region, die sich an Aktionen der NPD oder „Freier Kräfte“ beteiligten, ging 2011 zurück. Dennoch bleibt das dort aktive (neo)nazistische Milieu insgesamt recht personalstark. Vor allem die ideologisch gefestigte Erwachsenengeneration über 25, die bereits den verbotenen Kameradschaften „Hauptvolk“ und „Sturm 27“ angehörte und jetzt mit der NPD sympathisiert, ist hier sehr stark ausgeprägt. Auch nach Jahren relativer Ruhe tauchen einzelne Angehörige immer wieder bei (neo)nazistischen Aktionen oder Veranstaltungen auf. Erst am vergangenen Wochenende nahmen beispielsweise ungefähr zehn (Neo)nazis aus dem ehemaligen Rathenower und Premnitzer Kameradschaftsspektrum, die längst das Alter von 30 Jahren überschritten und teilweise auch schon Familien gegründet haben, am Aufmarsch in Magdeburg teil. Die Mehrheit dieser Personen war sogar noch direkt, z.B. als Ordnungskräfte, in den Veranstaltungsablauf mit eingebunden.

(Neo)nazimus im Westhavelland und damit auch in dessen Umland wird so auch in den nächsten Monaten und Jahren eine Herausforderung für die (Zivil)gesellschaft sein, so dass langfristige Konzepte angelegt werden müssen, die dauerhaft Rassismus, Antisemitismus und völkischen Nationalismus zurückdrängen.

Die Dokumentation als PDF (6.609 kB) kann hier runtergeladen werden.

[AFN] Endlich umdenken!

15. Januar 2012

(Neo)nazis aus Brandenburg an der Havel marschierten in Magdeburg mit

Geht es nach dem öffentlichen Meinungsbild in Brandenburg an der Havel hätte sich die Szene am Hauptbahnhof gestern gar nicht passieren dürfen. Organisierte (neo)nazistische Strukturen sind offiziell in der Stadt nicht bekannt oder sollen nicht erkannt werden. Dennoch versammelten sich bis zu 20 (Neo)nazis unter Vorsitz des Brandenburger NPD Ortsbereichsleiters Franz Poppendieck am Hauptbahnhof und fuhren gemeinsam mit Gleichgesinnten aus anderen Städten per Bahn nach Magdeburg. Dort fand am gestrigen Tage einer der größte (Neo)naziaufmärsche in der Bundesrepublik statt.

Um sich in Magdeburg entsprechend in Szene zu setzen führten die Brandenburger (Neo)nazis sogar diverse Devotionalien mit, die unübersehbar die Herkunft, der sich dazu bekennenden präsentierte. So trat beispielsweise die mitgereiste Vereinigung „Freie Kräfte Brandenburg/Havel“ mit eigenem Banner in Erscheinung. Andere Brandenburger (Neo)nazis aus der Reisegruppe trugen wiederum unübersehbar schwarze Fahnen mit der Aufschrift des Heimatortes.

Offenbar ist das (neo)nazistische Milieu in Brandenburg an der Havel doch nicht so inaktiv wie manch eine/r in der Vergangenheit vermutete. Und auch der NPD Ortsbereich, bzw. dessen offizieller Ortsbereichsleiter scheint nach wie vor aktiv zu sein.

Vielleicht bietet diese Tatsache aber auch eine Chance, nämlich die, endlich den zunehmenden (Neo)nazismus in der Stadt nicht mehr tot zu reden, den Schleier der Ignoranz fallen zu lassen, das Übel an der Wurzel zu packen und langfristige Konzepte dagegen zu erarbeiten.

Magdeburg 2012: Nazis und Gegenaktionen

14. Januar 2012

1.100 (Neo)nazis marschierten / Blockaden an mehrere Stellen / Auseinandersetzungen am Universitätsplatz

Heute marschierten ungefähr 1.100 (Neo)nazis durch die sachsen-anhaltinische Landeshauptstadt Magdeburg. Vorgeblicher Grund für die als „Trauermarsch“ deklarierte Veranstaltung war ein Bombenangriff auf die Stadt im letzten Jahr des zweiten Weltkrieges.

Ausgehend vom Nicolaiplatz im nördlichen Ortsbereich versuchten die (Neo)nazis dabei zunächst über die Lübecker Straße Richtung Bahnhof Magdeburg-Neustadt zu marschieren. Dies gelang aber nur bedingt. Trotz  flächendeckender Absperrungen der Polizei war es nämlich einzelnen Gruppen von Gegendemonstrant_innen gelungen die Straße zu blockieren. Den Anfang machte dabei eine Initiative von Menschen, die sich in symbolischer KZ-Häftlingskleidung und einem Transpi mit der Aufschrift „Für das Erinnern“ auf Höhe des Bahnhofs sich den (Neo)nazis entgegensetzen. Etwa eine halbe Stunde wurde der (Neo)naziaufmarsch dadurch aufgehalten. Dann wurde die Blockade polizeilich geräumt.

Die (Neo)nazis marschierten dann weiter über die Gareisstraße Richtung Innenstadt, wurden dort aber ebenfalls durch zwei weitere kleinere Blockaden aufgehalten. Auch hier griff die Polizei ein und räumte.
Inzwischen hatten sich mehrere hundert Menschen auf dem Universitätsgelände versammelt und positionierten sich lautstark gegen die (neo)nazistischen Marschierer. Letztgenannte hatten derweil, begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot, den von ihnen angemeldeten Streckenabschnitt an der Universität erreicht. Wasserwerfer waren inzwischen auf die Gegendemonstrant_innen gerichtet und mehrere Züge der Bereitschaftspolizei an den Absperrgittern postiert, um Blockade zu verhindern. Vereinzelt flogen nun auch Flaschen und Rauchbomben in Richtung des (Neo)naziaufmarsches, konnte jedoch kaum eine Veränderung der Situation herbeiführen. Die (Neo)nazis setzten ihren Zug bis zum Ende weiter fort.

Dennoch bleibt zu bemerken, dass 2012 mehr Menschen für Gegenaktivitäten gegen (neo)nazistischen Marsch sensibilisiert wurden, als in den Jahren zuvor. Mehrere Bündnisse aus der Stadt und dem Umland hatten zu Blockaden bzw. antifaschistischen Aktionen aufgerufen und dadurch mehrere hundert Menschen mobilisiert. Es bleibt zu hoffen das sich dies in den nächsten Jahren fortsetzt und irgendwann ähnliche Erfolge wie in Halbe, Jena, Leipzig oder Dresden gefeiert werden können.