Archive for Februar 2012

Einseitiger Vortrag über die letzten Kriegstage in Rathenow

29. Februar 2012

Angehöriger der NS Wehrmacht berichtete über die Kampfhandlungen und deren Begleiterscheinungen in der Stadt am Ende des Zweiten Weltkrieges

Günter Müller hat ein Buch herausgebracht. Darin schrieb der ehemalige Soldat der nationalsozialistischen Wehrmacht unter dem Titel „Letzte Kriegstage in Rathenow 1944/1945“ (1.) seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges nieder. Das war 2009. Jetzt kam eine Neuauflage (2.) heraus, die über die eigenen Erinnerungen heraus ein Gesamtbild der Kampfhandlungen und deren Begleiterscheinungen in der Region vermitteln sollte. Als Zugabe wurde zudem, ZDF-Historiker Guido Knopp hätte es nicht besser machen können, die kurze Verweildauer von Hitlers Leiche im Rathenower Stadtforst thematisiert. Schwerpunkt der Publikation, die gestern im Rahmen eines Vortrages in einer Rathenower Buchhandlung vom Autor höchstpersönlich vorgestellt wurde, war aber eindeutig die Auseinandersetzung mit dem Kampfgeschehen in Stadt und Umland. Das Ende zwischen Havel und Elbe würde nämlich, so Müller, nur peripher in der bisherigen Kriegsliteratur tangiert.

Kampf und Zerstörung der Stadt

Für Müller ist das Kriegsgeschehen zwischen den beiden Flüssen jedoch keine Banalität, es enthält einen entscheidenden Abschnitt seines Lebens. Mit 17 war er im November 1944 zu einem Pionierbataillon der NS Wehrmacht in die Rathenower Garnison einberufen worden, fünf Monate später kämpfte er in der selben Stadt gegen die vorrückende Rote Armee. (3.) Dabei ist bei Müller, wenn er davon erzählt, ein gewisser Stolz klar herauszuhören. 2.000 Soldaten hätte die Wehrmacht zur „Verteidigung“ höchstens zur Verfügung gehabt, während der Gegner, die Rote Armee, mit bis zu 10.000 Soldaten angriff. Dennoch sei die Stadt über einen langen Zeitraum verbissen gehalten und der Zeitplan der „Russen“ durchkreuzt worden, so Müller. Das der Krieg dadurch aber unnötig verlängert und Rathenow völlig zerstört wurde, erscheint ihm noch heute als notwendiges Übel. Schließlich galt es, alle Angehörigen der nationalsozialistischen Armeen noch über die Elbe in die vermeintlich bessere amerikanische Kriegsgefangenschaft zu überführen. Und für die Zerstörung der Stadt an sich seien nach Müllers Meinung sowieso die „Russen“ verantwortlich. Diese hätten nämlich mit Katjuschas nach Rathenow reingefeuert. Scharf kritisierte Müller in diesem Zusammenhang den Autor eines älteren Artikels aus einer Regionalzeitung (4.). Dieser hatte dort nämlich geschrieben, dass zwei Flak-Batterien von Stellungen in Klein-Buckow und Göttlin nach Rathenow reinschossen und dadurch die Stadt zerstört hätten. Dies sei unwahr, so Müller gestern, und begründet seine Behauptung mit der vermeintlichen Gefährdung der eigenen Soldaten. Ein Zeitzeuge aus Milow, der sich im gestrigen Publikum befand, untermauerte jedoch die Version des starken Beschusses durch die Wehrmacht bzw. ergänzte diese durch eigene Wahrnehmungen. Auf der ehemaligen Kleinbahnstrecke zwischen Kuxwinkel und Schlagenthin war demnach auch ein Eisenbahngeschütz stationiert, das permanent in die Stadt hineinschoss. Müller beharrte jedoch trotzdem auf seinen Standpunkt, dass in erster Linie die „Russen“ mit ihren Katjuschas Rathenow zerstört hätten.
Für ihn rückte nunmehr die Frage nach der Motivation für die verbissene Verteidigung der Stadt in den Mittelpunkt seiner Veranstaltung. Dabei widersprach er der landläufigen Meinung der alliierten Militärliteratur, dass die Angst vor der Rache der Rote Armee die Soldaten des NS Regimes antrieben. Für Müller war dies vielmehr die Aussicht auf eine vermeintlich bequemere amerikanische Kriegsgefangenschaft, die kaum 25km weit entfernt, jenseits der Elbe wartete.
Außerdem, so ein Mann aus Premnitz während der Veranstaltung, wäre Rathenow, im Hinblick auf die Folgen der verbissenen Verteidigung, höchstwahrscheinlich auch ohne Kampfhandlungen von der Roten Armee abgebrannt worden. Über ähnliche Beispiele hätte er jedenfalls in der Kriegsliteratur gelesen. Keine Stadt wäre demnach von derartigen Zerstörungen verschont geblieben. Das aber beispielsweise gerade Premnitz kampflos an die Rote Armee übergeben und danach nicht niedergebrannt wurde, war dem Mann offenbar entfallen.

„Kriegsverbrechen“

Überhaupt wurde sich gestern wieder gern und viel über die „Barberei der Sowjets“ echauffiert. Ein junger Mann aus dem Publikum nannte das von der NS Propaganda instrumentalisierte „Massaker von Nemmersdorf“, bei dem ungefähr 30 deutsche Zivilist_innen während der dortigen Kampfhandlungen durch Angehörige des sowjetischen Militärs erschossen wurden (5.), als besonderes Beispiel dafür. Müller ergänzte ihn mit einem schaurigen Bericht über Vergewaltigungen durch Rotarmisten in einem Lazarett bei Beelitz. Nun war die deutsche Leidensgeschichte voll entflammt. Der junge Mann meldete sich wieder zu Wort und bemerkte, dass auch die amerikanische Kriegsgefangenschaft nicht wirklich eine gute Option für die Angehörigen der nationalsozialistischen Armeen gewesen sei. Ihm lägen Dokumente über tausende Tote in den so genannten „Rheinwiesenlager“ (Kriegsgefangenenlager) vor. Müller sprach in seinen Ausführungen indes nur von etwas über 700, dort in der Gefangenschaft an mangelnder Hygiene und Unterernährung, Gestorbenen. Dann thematisierte der junge Mann die Bombardierung Dresdens, wobei die durch die Historikerkommission vorgenommene Korrektur der Opferzahlen von 35.000 auf 25.000 Tote als „Krone der Schöpfung politischer Korrektheit in der BRD“ von ihm scharf gerügt wurde. Als er dann aber noch, im Zusammenhang mit Müllers Kapitell über Hitlers Leiche in Rathenow ernsthaft auf ein Buch von Verschwörungstheoretikern hinwies, demnach Hitler den Krieg überlebt hätte und 1945 mit einem U-Boot nach Südamerika entkommen sei, war die Veranstaltung endgültig zur Farce geworden.
Eine Betrachtung der regionalen Verbrechen des NS Regimes, als Teil des beabsichtigten  Gesamtbildes der Kampfhandlungen und deren Begleiterscheinungen, war so nicht mehr zu erwarten und fand auch nicht statt. Auch in seinen Büchern behandelt Müller diese Thematik nur am Rande. Lediglich den Deserteuren ist ein größerer Abschnitt gewidmet. Konzentrationslager und deren Häftlinge werden nur beiläufig erwähnt, obwohl es in Rathenow ein KZ Außenlager gab. Die Shoa, das Schicksal der Zwangsarbeiter_innen sowie die Todesmärsche in den letzten Kriegstagen spielen hingegen überhaupt keine Rolle. Allerdings bekräftigt Müller in seinem Buch, das die „Vergeltung“ der Rotarmisten in keinem Verhältnis zu dem stehe „was deutsche Soldaten in Polen und in der UdSSR angerichtet hatten“ (6.). Trotzdem drängt sich bisweilen die Vermutung auf, dass diese entlastenden Kurzpassagen im Werk nur eine Alibifunktion für eine allgemeine Diskreditierung der Roten Armee sind. Seitenweise wird nämlich recht emotional von „Exzessen“, „entsetzlichen Gräueltaten“ oder der „Barbarei“ der „Russen“ und ihrer Streitkraft gesprochen, während die nur sehr vereinzelt genannten, vorangegangenen Untaten der Nazis – betont sachlich – schlimmstenfalls als „Verbrechen“ bezeichnet wurden.

Fazit

Auch mit Günter Müllers Buch bzw. dessen Neuauflage  wurde kein abschließendes Dokument, kein Gesamtbild, über die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in Rathenow und Umgebung verfasst. Zu viele Fragen sind noch offen, zu viele Dinge ungeklärt. Dennoch ergaben sich aus seinen Büchern sowie der gestrigem Buchvorstellung einige neue Details zum Kampfablauf.
Die Abhandlung der „Kriegsverbrechen“ wird von Müller auffällig einseitig geführt und könnte als vorzügliche Argumentationsgrundlage für (Neo)nazis, von denen gestern übrigens auch eine Handvoll im Publikum saß, dienen.

Quellen:

1.) Günter Müller: „Letzte Kriegstage in Rathenow 1944/1945“, Rathenow, 2009
2.) Günter Müller: „Die Verteidigung von Rathenow 1945 und Hitlers Leiche in Rathenow“, Potsdam, 2011
3.) Wie (1.)
4.) Rudolf Bergau: „Während dessen plünderten SS – Leute die Sarkophage im Böhner Mausoleum“ in Märkische Allgemeine Zeitung, Seite 16, 18. März 1995
5.) http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nemmersdorf
6.) aus Quelle 2.), Seite 82-83

Antirassistische Demonstration in Dessau

27. Februar 2012

Mehrere hundert Menschen demonstrierten gegen Rassismus, Polizeigewalt und (Neo)nazismus / „Dessauer Verhältnisse“ im Focus der Kritik

In Dessau haben am vergangenen Samstag bis zu 500 Menschen gegen Rassismus, Polizeigewalt  und (Neo)nazismus demonstriert. Anlass waren der Tod des Flüchtlings Oury Jalloh am 7. Januar 2005 in Polizeigewahrsam, die Polizeiübergriffe auf Migrant_innen während und in Folge der Gedenkdemonstration für den Getöteten am 7. Januar 2012 sowie rassistisch motivierte Demonstrationen in den vergangenen Wochen.

 „Dessauer Verhältnisse“

Der vom Anhaltinischen Theater aus gestartete Demonstrationszug machte sodann auch keinen Hehl aus dem Unmut über die unmöglichen Zustände in Dessau. In einem Redebeitrag wurde in diesem Zusammenhang vor allem der „tief in der Bevölkerung verankerte Rassismus und Nationalismus“ als Ursache benannt. Dazu gesellen sich die lokale, „organisierte Neonaziszene mit fließendem Übergang zu rechtslastiger Jugendkultur“, „Stammtischnazis“, ein „rechtsdominierter Fußballverein“ und ein  „NPD-Stadtrat“ sowie „überforderte Behörden“ und „rassistische Polizeibeamte“. Entsprechend trostlos war auch der Eindruck, den die Stadt während der Demonstration vermittelte. Vielen Bürger_innen war das Unverständnis über die Veranstaltung anzusehen. Dennoch war es richtig das Anliegen der Demonstration genau dort vorzutragen. Durch die „Dessauer Verhältnisse“ sind nämlich Menschen gestorben. Alberto Adriano im Jahr 2000 und Hans-Joachim Sbrzesny 2008 als Opfer von (Neo)nazis sowie Oury Jalloh als Opfer von Polizeibeamten.

„Oury Jalloh es war Mord“

Da es zum Tod von Oury Jalloh jedoch noch kein abschließendes Urteil gibt und in einem früheren Verfahren die mutmaßlichen Täter sogar freigesprochen wurden, stand besonders dieser Fall im Vordergrund des Protestes. Dabei wurde die offizielle Tatversion immer wieder angezweifelt und aufgrund von Beweismanipulationen und Falschaussagen lautstark in Frage gestellt: „Oury Jalloh es war Mord“. Allerdings ohne das die Polizeibeamt_innen diesmal, im Gegensatz zur Gedenkdemonstration am 7. Januar 2012, brutal einschritten.
Schließlich führte die Demonstration auch zu dem Polizeirevier, in dessen Zelle Oury Jalloh am 7. Januar 2005, gefesselt, durch ein, so die offizielle Tatversion, von ihm selbst gelegtes Feuer, verbrannte. Mit einer Schweigeminute wurde dem Getöteten gedacht. Auch Oury Jallohs Mutter war anwesend und gedachte in besonders eindringlicher Weise ihrem verstorbenen Sohn.

Antifaschistische Großdemonstration in Dresden

19. Februar 2012

Tausende Menschen protestierten gegen (Neo)nazis, Geschichtsrevisionismus und staatliche Repression

Gestern versammelten sich in Dresden bis zu 10.000 Menschen um gemeinsam (Neo)nazis, Geschichtsrevisionismus und staatliche Repression zu protestieren. Ausgehend vom Hauptbahnhof zogen die Protestierer_innen dabei in Form einer Demonstration entlang der Altstadt, an der Synagoge,  über die Carolabrücke, neben dem sächsischen Innenministerium, am Albertplatz, sowie seitwärts des Neustädtischen Bahnhofs vorbei, bis hin zum Jugendhaus „Roter Baum“.

Der 13. Februar und Dresden

Hintergrund der Veranstaltung waren die Ereignisse um den 13. Februar, die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Tag sowie die staatlichen Reaktionen in der politischen Debatte. Während des zweiten Weltkriegs wurde nämlich auch Dresden, infolge des Zurückdrängens der Aggression des NS Regimes, von Alliierten Bomberstaffeln angegriffen und dadurch weitgehend zerstört. Dabei starben am 13. Februar 1945 ungefähr 25.000 Menschen. Die NS Propaganda verzehnfachte damals jedoch die Zahl der Opfer und legte mit dieser Fälschung den Grundstein für die gesellschaftliche Debatte der folgenden Jahrzehnte. Dresden wurde so nämlich als besonderes Fanal angesehen und immer wieder für politische Zwecke missbraucht. Seit Ende der 1990er Jahre hatten dann auch (Neo)nazis das Gedenken für sich entdeckt um aktiv Geschichtsrevisionismus zu betreiben. Deren Intension ist dabei das Andenken an die Opfer der Shoa durch die Thematisierung und  Dramatisierung eines angeblichen „Bombenholocaustes“ zu tilgen. Fataler Weise wurde diese Kampagne lange Zeit durch die Stadt ignoriert, so dass daraus der größte (Neo)naziaufmarsch Europas werden konnte. Erst das Anwachsen antifaschistischer Proteste seit Mitte der 2000er Jahre und die Blockaden der Märsche seit 2010 lassen heute zaghafte Ansätze für ein Umdenken erkennen. Dennoch ließ der sächsische Freistaat in der jüngsten Vergangenheit nichts aus, um mit repressivsten Mitteln, bis hin zur Aufhebung der Immunität von Abgeordneten und der Fabulierung von kriminellen Vereinigungen  die Proteste gesellschaftlich zu ächten.

Gemeinsam gegen Repression und Revisionismus

Da das (neo)nazistische Milieu alle Aktionen auf den vergangenen Montag konzentrierte und zu einem Großaufmarsch am 18. Februar 2012 nicht antrat, nutzte die im Bündnis „Dresden Nazifrei“ organisierte bundesweite Protestbewegung den Tag um grundsätzliche Kritik am sächsischen Demokratieverständnis zu formulieren. Als zu einseitig und zu behaftet von der so genannten Totalitarismustheorie wurde es von allen Versammlungsteilnehmer_innen einhellig abgelehnt. Für kurze Redebeiträge konnten diesbezüglich auch die Vorsitzende der Partei „Die LINKE“, Gesine Lötzsch, die Bundestagsvizepräsidentin, Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sowie der Fraktionsvorsitzende der Partei „Die LINKE“ im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, gewonnen werden. Als ebenfalls zu einseitig wurde das Geschichtsbild des „unschuldigen“ Dresden verworfen, Tatorte in der Stadt benannt  und an die Opfer des NS Regimes erinnert.  Auf Pappschildern waren auch vielfach die Namen von Menschen zu lesen, die in den letzten Jahren von (Neo)nazis umgebracht wurden. Auch in diesem Zusammenhang wurde noch einmal Kritik an den staatlichen Behörden geübt, da viele Opfer (neo)nazistischer Gewalt nicht als solche anerkannt werden. Besonders scharf wurden die Sicherheitsbehörden zudem wegen ihres Versagens im Zusammenhang mit den Morden des so genannten „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) gerügt. Hier Steht auch einmal mehr Sachsen in der Kritik, da die Haupttäter über Jahre vom westsächsischen Zwickau aus unerkannt operieren konnten.

Scharmützel am Rande

Die Polizei begleitete die Demonstration nur an wenigen Abschnitten, dort aber vermummt, behelmt und mit Tonfa, Reizgas, Schusswaffen sowie vereinzelt mit Pepperball-Waffen ausgerüstet. Übergriffe durch die Beamt_innen hielten sich dennoch in Grenzen. In der Großenhainer Straße Ecke Röderauer Straße wurden kurzzeitig Versammlungsteilnehmer_innen angegriffen, nachdem Unbekannte Silvesterböller gezündet hatten. Zudem kam es nach der Beendigung der Demonstration ebenfalls in der Großenhainer Straße, jedoch zwischen Ecke Zeithainer und Ecke Coswiger Straße zu einem Scharmützel mit der Polizei. Offenbar waren Beamt_innen auch hier gegen einzelne Versammlungsteilnehmer_innen vorgegangen. Die Situation entspannte sich jedoch nach dem Abzug der Polizeieinheiten.

[AFN] Gedenkkundgebung in Brandenburg an der Havel

16. Februar 2012

Ungefähr 70 Menschen gedachten Sven Beuter und bekannten sich gegen (Neo)nazismus

Im Rahmen einer Kundgebung haben gestern ungefähr 70 Menschen in Brandenburg an der Havel an  Sven Beuter gedacht. Der damals 23 jährige Punk  wurde am 15. Februar 1996 von einem (Neo)nazi angegriffen, brutal zusammengeschlagen und getreten. Wenige Tage später verstarb Sven Beuter an den Folgen seiner schweren Verletzungen.
Die gestrige Kundgebung fand an dem Ort statt, wo Sven Beuter vor 16 Jahren blutüberströmt gefunden wurde. Hier ist eine Gedenkplatte eingelassen, die an den brutalen Angriff erinnert.

Redebeiträge von VVN und AFN

In Redebeiträgen des Vereines der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und des Antifaschistischen Netzwerkes [AFN] wurde darauf hingewiesen, dass die (neo)nazistische Ideologie die Hauptursache für diesen und weitere brutale Angriffe sowie auch für die aktuell diskutierten Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) war. „Individuen“ spielen im (Neo)nazismus „keine Rolle“, so ein AFN-Sprecher. Für (Neo)nazis zähle nur das Volkskollektiv. „Abweichler oder Angehörige anderer ´Völker´“ werden in der (neo)nazistischen Ideologie deshalb als „Schädlinge“ des „rassisch definierten Volkskörpers verunglimpft und deshalb mit brutalsten Mitteln bekämpft“, so der AFN-Vertreter weiter. Ein Sprecher des VVN sah den Tod von Sven Beuter vor allem als Angriff auf „Linke“ und kritisierte deshalb auch die derzeitige konservative Bundesregierung. Mit ihrer Polemik gegen die Partei „Die.LINKE“ werde polarisiert und Feindbilder geschaffen.

(Neo)nazistische Parolen gegen die Kundgebung

Für das lokale (neo)nazistische Milieu schien hingegen gestern schon der Gegner festzustehen. An mehreren Stellen im Stadtgebiet, so auch an einem Hauseingang unmittelbar neben der Gedenkplatte für Sven Beuter, waren Farbanschläge mit dem Slogan „AFN zerschlagen“ angebracht worden. Ernstzunehmende Erwägungen dies auch in die Tat umzusetzen, wurden aber gestern nicht bekannt. Lediglich zwei Späher der (neo)nazistischen Vereinigung „Freie Kräfte Brandenburg/Havel“  wurden beobachtet, als sie die Gedenkveranstaltung aus der Ferne auskundschafteten. Dennoch sei in Brandenburg an der Havel „einiges in Bewegung“, so ein AFN Sprecher während seines Redebeitrages. „(Neo)nazistische Organisationen“ treten demnach vermehrt in Erscheinung und „versuchen durch Hasspropaganda ein Klima der Angst zu erzeugen“.  „Mehrere hundert Holocaustleugner_innen“, so der Vertreter der AFN weiter, durften sich allein im vergangenen Jahr „ohne Protest der Stadt versammeln“, während die Oberbürgermeisterin einige Tage später auf „einem mit Reichskriegsflagge geschmückten Motorrad“ posierte.

Statt Passivität der Stadt, Engagement der Bürger_innen

Das sehr passive und  teilweise unbedarfte Verhalten der  Stadt in der Auseinandersetzung mit dem (Neo)nazismus in Brandenburg an der Havel setzte sich auch bei der gestrigen Gedenkveranstaltung fort. Eine offizielle Delegation zur Teilhabe am Gedenken von Sven Beuter war nicht erschienen. Auch die Oberbürgermeisterin oder eine entsprechende Vertretung war nicht anwesend.
Dafür legten Vertreter_innen der Partei Die.LINKE, des Vereins der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und des Antifaschistischen Netzwerkes [AFN] Blumen und Kränze an der Gedenkplatte für Sven Beuter nieder und bekannten sich gemeinsam mit vielen anderen Bürger_innen eindeutig gegen (Neo)nazismus.

 

[AFN] Sven Beuter unvergessen!

2. Februar 2012

Gedenkkundgebung am 15. Februar in Brandenburg an der Havel

Am 15. Februar 2012 erinnern wir im Rahmen einer antifaschistischen Kundgebung an Sven Beuter. Der 23 jährige Punk wurde vor sechzehn Jahren zum wiederholten Male Opfer eines (neo)nazistischen Überfalls. Ein (Neo)nazi griff Sven Beuter am Abend des 15. Februar 1996 an und verletzte ihn dabei durch brutale Schläge und Tritte schwer. Zu den erlittenen Verletzungen des Zusammengeschlagenen bzw. Zusammengetretenen zählten u.a. Hirnquetschungen, mehrere Schädelfrakturen, schwere Verletzungen der inneren Organe sowie diverse Knochen- und Rippenbrüche. Das Opfer lag in einer Blutlache von einem halben Meter Durchmesser. Neben ihm verlief eine blutrote, ungefähr 50 m lange Schleifspur im Schnee. Am 20. Februar verstarb Sven Beuter an den Folgen seiner schweren Verletzungen.
Der Angriff wurde damals von zwei Zeugen beobachtet, die den (neo)nazistischen Gewaltverbrecher auch stellten. Er wurde einige Monate später rechtskräftig zu einer Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren verurteilt.

Mordlust aus ideologischen Gründen

Der Mord an Sven Beuter steht beispielhaft für einen unverblümt sozialdarwinistischen Ausdruck der (neo)nazistischen Ideologie, dem allein in den letzten 22 Jahren mehr als 150 Personen zum Opfer fielen. Die aktuell aufgedeckten Anschläge des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zeigen zudem mit welch hohem Organisationsgrad und welch tiefer Menschenverachtung gemordet wird.
In der (neo)nazistische Ideologie spielen Individuen keine Rolle, sie müssen sich dort einem fiktiven Volkskollektiv unterordnen. Abweichler oder Angehörige anderer „Völker“ werden hingegen als Schädlinge dieses rassisch definierten Volkskörpers verunglimpft und deshalb auch mit brutalsten Mitteln von (Neo)nazis bekämpft.

Gedenkveranstaltung am 15. Februar

Den Ort des tödlichen Angriffs auf Sven Beuter, in der Havelstraße, markiert heute eine bronzene Tafel, die anlässlich seines elften Todestages in den Boden eingelassen wurde. An dieser wollen wir uns am Mittwoch, den 15. Februar 2012, um 18.00 Uhr versammeln um dem Ermordeten würdevoll zu gedenken.
Gleichzeitig soll unser Erinnern auch eine Mahnung sein. (Neo)nazimus muss bereits im Ansatz entschiedener bekämpft, damit Tote vermieden werden.
Vor allem in jüngster Zeit mehren sich in Brandenburg an der Havel Veranstaltungen und Aktionen des (neo)nazistischen Milieus, bei denen bereits die Saat für neuen Hass gelegt wurde. Noch wird ein „Aufstand“ nur symbolisch gefordert und beispielsweise Dönerstände „nur“ mit Farbe angegriffen. Wie weit darf sich das lokale Milieu hier aber noch radikalisieren, bis endlich reagiert wird?
Wir rufen deshalb am 15. Februar 2011 zu einer antifaschistischen Kundgebung auf und laden alle interessierten Menschen dazu ein, die Veranstaltung als klares Bekenntnis gegen (Neo)nazis und ihre verbrecherische Ideologie wahrzunehmen.